
Seit der Entdeckung der ABO-Blutgruppen durch Karl Landsteiner vor 100 Jahren steht die Erkennung und Verhütung von metabolischen, immunologischen und Infektions-Risiken der homologen Blutkonserve im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Fortschritte wurden seither auf dem Gebiet der Herstellung (Spenderselektion, Blutentnahme, Blutkonservierung, Austestung, Lagerung) und der Anwendung im Sinne der "Hämotherapie nach Maß" erreicht. Durch Auftrennung von Vollblut in seine Hauptkomponenten sollen dem Patienten Erythrozytenkonzentrat, gefrorenes Frischplasma und Thrombozyten stets in optimaler Qualität und ausreichender Menge zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen, um vorhandene oder erwartete Defizite einzelner Blutkomponenten bei Operationen oder nach Chemotherapie auszugleichen.
Meilensteine bei der Verwirklichung dieses Konzepts waren die Entwicklung additiver Blutkonservierungslösungen, neuartiger Beutelfolien als Ersatz für die Blutflasche, die serologische und später die molekulargenetische (PCR) Infektionsdiagnostik für Syphilis, Hepatitis B und C, die Retroviren HIV 1, 2, 0 und HTLV1, das Herpesvirus CMV, sowie jüngst HAV und Parvovirus B19 für Plasmen; die Blut und Gewebegruppen-Diagnostik (HLA, HPA) zur Verhütung von Immunisierungen gegen Fremd-Antigene; die Entwicklung von Hochleistungs-Filtern, zuletzt als inlinefiltration zur Elimination von Leukozyten; maschinelle Apherese-Techniken für Thrombozyten-Hochkonzentrate und Depletionen; die Virus-Inaktivierung von Plasmen mit dem solvent detergent (SD)Verfahren; die Gamma-Bestrahlung von Blutkonserven zur Verhütung tödlicher Graft-versus-Host-Reaktionen; die periphere Blutstammzellgewinnung bei Blutspendern (allogen) und bei Tumorpatienten zur autologen Stammzell-Transplantation; Einfriertechniken zur Langzeitkonservierung von Blutkomponenten mit speziellem Antigenmuster in LN.
Das Ziel einer sicheren, effizienten und ökonomischen Hämotherapie wird durch ein enges juristisches Korsett von über 80 Gesetzen und Verordnungen erreicht, vorrangig das Arzneimittelgesetz, das Transfusionsgesetz, die Pharma-Betriebsverordnung, die Transfusionsrichtlinien und Hämotherapie-Leitlinien von BÄK (Bundes-Ärzte-Kammer) und Paul-Ehrlich-Institut, durch Voten des ExpertenGremiums "Arbeitskreis Blut" am Robert-Koch-Institut und die Europarat-Kommission für Sicherheit und Qualität von Blutkomponenten.
Bei jährlichen Inspektionen der Blutspendedienste durch Bundes und Landesbehörden wird die Existenz und Umsetzung von stets aktualisierten Standard-Arbeits-Anleitungen(SOP's) beim Herstellungsprozess im Sinne des Total Quality Management (TQM) überprüft. Die interdisziplinäre Kooperation mit klinischen Fächern wird durch die Transfusionskommissionen erreicht, in denen der Transfusionsverantwortliche und die Transfusionsbeauftragten die Umsetzung der Dienstanweisungen der Transfusionsvorschriftsicherstellen.
Der Begriff Hämovigilanz schließt das Meldewesen mit Verbrauchszahlen, Nebenwirkungs- und Infektions-Statistiken, Dokumentationspflicht und laufende Erfolgskontrollen der Hämotherapie ein. Bezüglich Qualitätssicherung nimmt die Transfusionsmedizin in Krankenhäusern zweifellos eine Spitzenposition ein.
Alternativen zur Fremdblutversorgung stellen bei elektivchirurgischen, zeitlich planbaren Eingriffen die Eigenblutspende-Verfahren dar, welche die prä-, peri-, intra- und postoperative (Rück)Gewinnung von Blut des Patienten einschließen.
Gentechnisch hergestellte Bluteiweiß-Präparate (z.B. Gerinnungs-Faktoren und Inhibitoren), Wachstumsfaktoren zur Stimulation der Blutbildung wie Erythropoietin, Thrombopoietin und "Granulozyten-Kolonie stimulierender Faktor" (GCSF) zur Blutstammzellmobilisierung sowie synthetische Blutersatzstoffe ergänzen das Spektrum der Hämotherapeutika.
Noch experimentell sind rekombinante, humane Hämoglobin-Lösungen und Perfluorcarbone als Sauerstoffträger; "Kunstblut" wird daher in den nächsten Jahren sowohl aus Kostengründen als auch wegen ungelöster Probleme der Biokompatibilität das Fremdblut nicht ersetzen können.
Das Ziel der nationalen Selbstversorgung mit allen Blutkomponenten wurde durch das Zusammenwirken überregionaler (DRK) und staatlichkommunaler Blutspendedienste, sowie Plasmapherese-Stationen der Pharmazeutischen Industrie erreicht, welche durch intensive Werbung und Pflege der Dauerblutspender-Stämme jährlich über 4,6 Millionen Blut- und Plasmaspenden gewinnen. Sie werden hierbei tatkräftig vom Bundesministerium für Gesundheit und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unterstützt.
Zahlreiche Therapiekonzepte der modernen Hochleistungs- und Intensiv-Medizin, einschließlich der Transplantation von Organen und Knochenmark wären heute ohne eine leistungsfähige Transfusionsmedizin nicht zu realisieren.
Diese Fortschritte in der Transfusionsmedizin erlauben die Feststellung, dass das Arzneimittel Blut noch nie so sicher war wie heute. Das Infektions-Restrisik oder Fremdblutkonserve wurde - wenn auch mit sehr hohem finanziellem Aufwand - nahezu auf das von der Öffentlichkeit erwartete "zero risk" reduziert. Der jährlich um 2% steigende Blutverbrauch, die Altersstruktur unserer Bevölkerung, das deutlich rückläufige Spendeaufkommen,das Auftauchen neuer, importierter Infektionsrisiken durch Touristik und Globalisierung der Arbeitswelt, aber auch die Budget-Restriktionen der Krankenhäuser stellen eine zunehmende Problematik dar, die es zukünftig zu meistern gilt.
Hier ist unsere wissenschaftliche Fachgesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie, DGTI gefordert, welche ihre 1300 Mitglieder durch 7 wissenschaftliche Sektionen ständig über die neuesten Aspekte der Forschung und Entwicklung unterrichtet. Transfusionsmedizinisches Wissen sollte auch dem ärztlichen Nachwuchs stärker als bisher im Medizinstudium vermittelt werden.
Nachdem der 95. Deutsche Ärztetag im Jahre 1992 die Transfusionsmedizin als "vertiefendes, interdisziplinäres Grundlagenfach" zum Fachgebiet mit 5-jähriger Weiterbildung erhoben hat, sollte sie auch an Universitäten als Pflichtfach im Curriculum verankert werden. Wir hoffen auch hier auf die Unterstützung des BMG und der BÄK, um zukünftig das Potential der klinisch orientierten Transfusionsmedizin noch besser nutzen zu können.
Name: Prof. Dr. Peter Kühnl
Adresse: Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie e.V.
Chirurgische Universitätsklinik, Abteilung für Transfusionsmedizin und Transplantationsimmunologie, Martinisstr. 52, 20246 Hamburg
13.11.1944 Geboren in Karlsbad
1963 - 1970 Medizinstudium in Frankfurt/Main, Kiel und Heidelberg
1970 Staatsexamen und Promotion in Heidelberg
1970 - 1971 Medizinalassistent (Universitätsklinik Frankfurt/Main)
1971 Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Immunhämatologie, Universitätsklinik Frankfurt/Main und DRK-Blutspendedienst Hessen
1971-1976 Wissenschaftlicher Angestellter am Zentrum der Inneren Medizin, Universitätsklinik Frankfurt/Main
1976 Facharzt für Innere Medizin
1976 Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Immunhämatologie, Universitätsklinik Frankfurt/Main und DRK-Blutspendedienst Hessen
1980 Leitung des Gewebetypisierungslabors (HLA), Transplantationsserologie, HLA-Krankheitsassoziationen, HLA-kompatible Spezialblutkonserven, Zellseparation am DRK-Blutspendedienst Hessen
1981 Habilitation für das Fach Immunhämatologie, Privatdozent
1985 Zusatzbezeichnung "Transfusionsmedizin"
1986 Akademische Bezeichnung "Honorarprofessor"
1987 Ruf auf C3-Professur als Direktor der Abteilung Transfusionsmedizin der Universität Hamburg
1987 - 1994 Schriftführer im Geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI)
1989 Kommissarischer Direktor der Abteilung für Transplantations-Immunologie der Universität Hamburg (1989 in die Abteilung für Transfusionsmedizin integriert)
1990 Ruf auf C4-Professur als Direktor des Instituts für Immunhämatologie der Universität Frankfurt/Main und Ärztlicher Direktor des DRK-Blutspendedienstes Hessen
1991 - 1994 Councillor im Vorstand der International Society of Blood Transfusion (ISBT)
1992 Ernennung zum C4-Professor auf Lebenszeit, Universität Hamburg
1997 - 2000 Offizieller Vertreter der Bundesrepublik in der EU-Kommission SPRGS
"Sicherheit und Qualitätssicherung von Blutkomponenten"
1994 - 1996 1. Vorsitzender der ARGE KMSB (BSD-Knochenmarkspender-Dateien)
1997 Facharzt für Transfusionsmedizin
1999 - 2001 Mitglied des "Arbeitskreises Blut" am Robert-Koch Institut, Berlin (v. BMG benannt)
1999 - 2000 1. Vorsitzender der DGTI
1. Vorsitzender der "Stiftung Transfusionsmedizin und Immunhämatologie" der DGTI
1999 - 2000 Mitglied der BÄK-PEI-Kommission zur Neufassung der "Richtlinien zur Blutgruppenbestimmung und Bluttransfusion (Hämotherapie)" und der "Leitlinien für Hämotherapie".