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World Health Day 2002

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Startseite : 2002 Bewegung : zentrale Veranstaltung : Fachbeiträge : Fragen und Antworten

 Fragen und Antworten zum Thema:
Gesund leben - in Bewegung bleiben

Dr. Christoph Breuer, Köln


Wie lassen sich die Folgen von Bewegungsmangel zahlenmäßig darstellen
(verlorene Lebensjahre, Zahl der Betroffenen)?

Bewegungsmangel stellt einen vielfach belegten Risikofaktor für verschiedene chronisch-degenerative Erkrankungen dar (DOLL 1988; HOLLMANN ET AL. 1987; MINISTERIUM FÜR ARBEIT GESUNDHEIT UND SOZIALES IN NORDRHEIN-WESTFALEN 1991). Zu nennen sind insbesondere eindeutige Zusammenhänge zwischen körperlicher Inaktivität und einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit an Herz-Kreislaufkrankheiten (BLAIR 1996; U.S. DEPARTMENT OF HEALTH AND HUMAN SERVICES 1996), die als Krankheitsgruppe nicht nur nach wie vor mit Abstand die Hauptmortalitätsursache in Deutschland bilden, sondern auch gesundheitsökonomisch von erheblicher Bedeutung sind. So belaufen sich die in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1990 - neuere Daten liegen nicht vor - angefallenen volkswirtschaftlichen Gesamtkosten aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen auf 41,12 Milliarden DM (HENKE ET AL. 1997).

Ebenfalls gut belegt sind hohe Korrelationen zwischen Bewegungsmangel und Wirbelsäulenerkrankungen (LEHNERT/VALENTIN 1991; NACHEMSON ET AL. 1990; REINHARDT 1990). Dorsopathien wiederum stellen die zweitverbreitetste Arbeitsunfähigkeitsdiagnose (sorgen wegen ihrer langen Dauer aber für die meisten Fehlzeiten) sowie den häufigsten Bewilligungsgrund von Frührenten dar (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001). Daran lässt sich leicht ablesen, dass auch Rückenleiden hohe Krankheitskosten verursachen. HENKE ET AL. (1997) beziffern die Gesamtkrankheitskosten von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes im Jahr 1990 auf bundesweit 35,12 Milliarden DM. Anderen Berechnungen zufolge verursachen in Deutschland alleine Rückenleiden jährliche Krankheitskosten von 34 Milliarden DM, wovon der Großteil aus Kosten der Arbeitsunfähigkeit resultiert (BOLTEN ET AL. 1998).

Aber auch weitere konstatierte Zusammenhänge zwischen körperlicher Inaktivität und dem Verbreitungsgrad von Krankheiten bzw. primären Risikofaktoren ließen eine stärkere Berücksichtigung von Sport und Bewegung in Public-Health-Strategien rational erscheinen. So beschreiben BLAIR (1996) und das U.S. DEPARTMENT OF HEALTH AND HUMAN SERVICES (1996) hochsignifikante Zusammenhänge zwischen mangelnder Bewegung sowie einem gehäuften Auftreten verschiedener Arten von Krebs, von Diabetes-Typ II, Osteoporose, Bluthochdruck, Fettleibigkeit und verlorenen Lebensjahren insgesamt. BLAIR (1996) weist zudem auf einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen körperlicher Inaktivität und dem Auftreten von Schlaganfall hin. Zuverlässige Angaben, wie viel ein mehr an Bewegung an Minus an verlorenen Lebensjahren ergibt, existieren nicht.

Vernachlässigt werden in der US-amerikanischen epidemiologischen Diskussion oftmals Koordinationsstörungen und andere Probleme der Persönlichkeitsentwicklung, die zwar weder lebensbedrohlich sind noch unmittelbar zu hohen Kosten führen, aber dennoch ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem darstellen. Auch diese Symptome stehen in einem engen Zusammenhang mit Bewegungsmangel. Koordinationsstörungen führen wiederum vor allem bei Kindern häufig zu psychomotorischen Fehladaptationen im Sinne aggressiver oder regressiver Verhaltensauffälligkeiten (KIPHARD 1992). Damit geht einher, dass Koordinationsstörungen mittelbar auch eine gesundheitsökonomisch bedeutsame Größe darstellen. Brisant ist dies gerade vor dem Hintergrund, dass die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen und anderer einschlägiger Tests eine markante Zunahme von Koordinationsstörungen belegen (BREUER 1997; BREUER ET AL. 1998) und diese auch im Vergleich zu anderen diagnostizierten Krankheitsbildern und Auffälligkeiten schon im Kindes- und Jugendalter einen vorderen Rang einnehmen (z.B. GESUNDHEITSAMT DÜSSELDORF 1995; KREIS NEUSS - GESUNDHEITSAMT 1997).

Allerdings handelt es sich bei Bewegungsmangel stets um einen von mehreren Risikofaktoren. So kann z.B. auch ein Sportaktiver ein hohes Herz-Kreislaufrisiko besitzen, wenn er z.B. Raucher ist, sich überwiegend fett ernährt und/oder häufig Stresssituationen ausgesetzt ist. Entsprechendes gilt auch für den Zusammenhang von Bewegungsmangel und anderen chronisch-degenerativen Erkrankungen.

Krankheiten, bei denen Bewegungsmangel einen zentralen Risikofaktor darstellt, zählen zu den weitverbreitetsten Erkrankungen in Deutschland (s.u.).


Welche dadurch (mit-) bedingte Erkrankungen treten in Deutschland mit welchen Häufigkeiten auf?

Da der negative Effekt von Bewegungsmangel auf Herz-Kreislauferkrankungen und Krankheiten des Skeletts und des Bindegewebes am stärksten ist, werden bei der Beantwortung dieser Fragen andere Krankheitsgruppen ausgeblendet. Eine Berücksichtigung anderer Krankheitsgruppen wäre hier aufgrund des vergleichsweise schwächeren "relativen Risikos" von Bewegungsmangel nicht seriös.

Die Hauptursache für Krankenhausaufenthalte stellen in Deutschland Krankheiten des Kreislaufsystems dar. Etwa 2,3 Millionen Fälle werden jährlich in den deutschen Krankenhäusern behandelt. Durchschnittlich bleibt ein Herz-Kreislaufpatient 13 Tage im Krankenhaus. Krankheiten des Kreislaufsystems stellen auch die Haupttodesursache in Deutschland dar. Gut 400.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an Erkrankungen des Kreislaufsystems. Knapp 1 Millionen Menschen werden jährlich im Krankenhaus wegen Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes behandelt (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001).

Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes stehen auf Platz 1 der Krankheitsgruppen, wenn es um Arbeitsunfähigkeit in Deutschland geht. Bundesweit gibt es jährlich über 5 Millionen AU-Fälle mit jeweils durchschnittlich 15 AU-Tagen. Krankheiten des Kreislaufsystems verursachen jährlich 1,3 Millionen AU-Fälle mit jeweils durchschnittlich 19 AU-Tagen (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001).
Im Jahr 2000 gab es 36.500 Fälle von Frühverrentung aufgrund von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes, davon 15.000 aufgrund von Dorsopathien, die in einem besonders engen Zusammenhang mit fehlender bzw. falscher Bewegung stehen. Zudem gab es 5.700 Fälle von Frühverrentung aufgrund ischämischer Herzkrankheiten (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001).

15,7 Millionen der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung haben Bluthochdruck. Bei 75,8 % der Hypertoniker ist der erhöhte Blutdruck entweder nicht bekannt oder nicht entsprechend behandelt. Nach dem 60. Lebensjahr beträgt der Anteil an Hypertoniker in der Bevölkerung mehr als 40 % (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001).
18,7 % der Männer und 21,7 % der Frauen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren hat starkes Übergewicht (³ 30kg/qm) (DER BUNDESMINISTER FÜR GESUNDHEIT 2001).

Bereits 10 % aller 6-jährigen Kinder in Deutschland haben Koordinationsstörungen (BREUER 1999).


Wie ist der Trend - hat sich das Problem in den letzten Jahren/Jahrzehnten verschärft; wie steht Deutschland im Hinblick auf Bewegung/(-smangel) im internationalen Vergleich da?

Herz-Kreislauferkrankungen und Wirbelsäulenerkrankungen verharren z.Zt. auf hohem Niveau in Deutschland. Als Todesursache sind Krankheiten des Kreislaufsystems leicht rückgängig. Je 100.000 Einwohner sterben in Deutschland etwa gleich viel Personen an Herz-Kreislauferkrankungen (über 500 Sterbefälle) wie in Österreich - und damit im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viele. Deutlich weniger Herz-Kreislauf-Tote gibt es z.B. in Frankreich (300), USA (360), Schweiz (370) und Japan (240) (BREUER 1999).

Im internationalen Vergleich ist Bewegungsmangel in Westdeutschland (29,9 % der Bevölkerung ist sportlich inaktiv) und Ostdeutschland (35,1 %) etwas weiter verbreitet als in Finnland (12 %), der deutschsprachigen Schweiz (16,5 %) und den Niederlanden (21,3 %). Inaktiver als die Deutschen sind z.B. die Belgier (37,8 %) und die Spanier (62,6 %) (RÜTTEN et al. 2000). Seit 1994 ist ein Rückgang des Anteils sportlich inaktiver Personen in Deutschland zu verzeichnen (BREUER 2002).


Sind die Deutschen gesundheitsbewusster oder weniger gesundheitsbewusst als früher, wie im internationalen Vergleich?

Das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen ist offensichtlich gestiegen. Glaubte noch Anfang der 90er Jahre etwa die Hälfte der Bevölkerung, dass sie genug für Ihre Gesundheit tue (RITTNER et al. 1994), sind es heute 62 %. 78 % geben an, auf körperliche Bewegung zu achten, 76 % auf gesunde Ernährung, 80 % auf ihr Körpergewicht (BREUER/RUMPELTIN 1999).

Zum internationalen Vergleich des Gesundheitsbewusstseins stehen nur wenige Indikatoren zur Verfügung. Wählt man den Anteil regelmäßiger Raucher, so liegt Deutschland im Mittelfeld. Deutlich mehr Personen rauchen z.B. in Spanien, während der Anteil an regelmäßigen Rauchern an der Gesamtbevölkerung in Finnland deutlich niedriger ist als in Deutschland (RÜTTEN et al. 2000). Als weiteren Indikator vgl. auch die Daten zum Bewegungsmangel (s.o.).


Welche Defizite im Gesundheitsverhalten sind besonders gravierend?

Bevölkerungssurveys zeigen regelmäßig, dass die Befragten vor allem der Meinung sind, für ihre Gesundheit sich mehr bewegen bzw. mehr Sport treiben zu müssen. Von denjenigen, die nicht glauben, dass sie genug für ihre Gesundheit tun bzw. sich nicht sicher sind, nennen 69,7 % als Verbesserungsmöglichkeit mehr Sport. 25,3 % sind der Ansicht, sie sollten sich gesünder ernähren, und 24,1 % meinen, sie sollten das Rauchen aufgeben bzw. weniger rauchen. Auch eine Gewichtsreduktion (12,5 %), regelmäßige Arztbesuche (5,6 %) und regelmäßige Blutdruckkontrollen (1,1 %) werden als Verbesserungsvorschläge des eigenen Gesundheitsverhaltens angegeben (BREUER/RUMPELTIN 1999).


Wie viele Menschen sind in Sportvereinen aktiv, wie viele anderweitig "in Bewegung"?

Die Sportvereine in Deutschland haben insgesamt 27 Millionen Mitglieder. Aufgrund von Mehrfachmitgliedschaften und passiven Mitglieder ist jedoch nur von 18 Millionen aktiven Mitgliedern auszugehen (BREUER 1999). Insgesamt geben 50 % der Bevölkerung an, regelmäßig sportlich aktiv zu sein. Weitere 24 % geben an, unregelmäßig sportlich aktiv zu sein. Von den regelmäßig sportlich Aktiven betreiben 29 % ihre Hauptsportart im Sportverein, 12 % in einer kommerziellen Einrichtung (Fitnessstudio, Tanzstudio etc.) und 56 % ohne Organisationsform (z.B. einfach so Rad fahren, Joggen etc.) (BREUER/RITTNER 2002).